Alljährlich im Dezember veröffentlicht Transparency International zum Welt-Anti-Korruptions-Tag das internationale Korruptionsbarometer – den CPI-Index. Darin listet die Anti-Korruptions-Organisation fast alle Staaten der Erde nach der in ihnen wahrgenommenen Korruption auf. Diese hat in den letzten Jahren insgesamt zugenommen. Weltweit gaben 25 Prozent der Befragten zu, in den vergangenen zwölf Monaten sehr viele Bestechungsgelder gezahlt zu haben, wie eine Umfrage von Gallup International im Jahr 2010 im Auftrag von Transparency International in 96 Ländern ergeben hat.
Alltagskorruption behindert die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. Die negativen Folgen wurden unter anderem nach den Revolutionen des arabischen Frühlings sichtbar: In Ländern wie Tunesien, Syrien und Libyen haben die Potentaten und ihre Familiencliquen sich jahrzehntelang der Ressourcen ihres Landes bedient, als handelte es sich um ihr privates Eigentum.
In Europa haben sich bezeichnenderweise Länder wie Italien und Griechenland mit besonders hoher Staatsverschuldung im CPI-Index kontinuierlich verschlechtert. Während Griechenland noch 2006 auf Platz 56 lag, nimmt das Land 2011 Platz 80 ein. Italien kam 2006 auf Rang 41, 2011 auf Rang 67. Beide liegen nun hinter Staaten wie Ruanda (49) und Namibia (57). Zum Vergleich: Deutschland belegte 2011 Platz 14, Frankreich Platz 25.
In Deutschland ist Korruption im Alltag kaum wahrnehmbar. Aber dennoch: Korruption findet statt. Laut der Umfrage von Gallup haben zwei Prozent der Befragten in Deutschland angeben, in den letzten zwölf Monaten aktiv bestochen zu haben.
Laut der Studie „Kriminalität im öffentlichen Sektor 2010“ von Price-Waterhouse-Coopers und der Universität Halle-Wittenberg berichten 52 Prozent der befragten Behörden in Mitteldeutschland über mindestens einen eindeutigen Fall beziehungsweise einen konkreten Verdachtsfall im Bereich Korruption und Vermögensdelikte, sodass wahrscheinlich mehr als jede zweite Behörde Opfer krimineller Taten wurde. Fast jede dritte Behörde (29 Prozent) war in den letzten zwei Jahren durch mindestens eine strafbare Handlung betroffen.
Besonders interessant ist dabei: Aus Sicht der Befragten tragen alle anderen Behörden ein relativ hohes Kriminalitätsrisiko, nur die eigene Behörde nicht. Die Kriminologin Prof. Dr. Bannenberg schätzt, dass nur ein Prozent der Korruptionsdelikte bekannt wird. Der Gesamtschaden für die öffentliche Verwaltung in Deutschland aber wird auf deutlich mehr als zwei Milliarden Euro jährlich geschätzt.
Korruption bedeutet aber nicht immer gleich strafbares Verhalten. Nach der Definition von Transparency International ist Korruption der Missbrauch anvertrauter Macht zum privaten Vorteil. Der Staat und das Gemeinwohl verlieren, der Private und das Einzelinteresse gewinnen. Langfristig erodiert dadurch der soziale Zusammenhalt in einer Gesellschaft.
So musste die Sächsische Landesbank verkauft werden, nachdem durch risikoreiche Anlagegeschäfte die Refinanzierung kurzfristiger Anleihen nicht mehr möglich war. Insgesamt war durch diese Geschäfte ein Haftungsrisiko entstanden, das höher war als der Jahreshaushalt des Freistaates.
Viele Städte in Deutschland haben in der Vergangenheit sogenannte Cross-border-leasing-Geschäfte getätigt, bei denen öffentliche Einrichtungen (Straßenbahnen, Abwasseranlagen etc.) an Investoren in den USA verkauft und dann zurückgemietet wurden. Der diesen Investoren dadurch entstehende steuerliche Gewinn wurde zu einem kleinen Teil an die deutschen Kommunen zurückgereicht. Nun aber drohen Verluste, häufig im zweistelligen Millionenbereich, da unter anderem die steuerliche Abzugsfähigkeit nicht (mehr) anerkannt wird.
Ein Kämmerer einer sächsischen Stadt steht derzeit unter Untreueverdacht, weil er ebenfalls auf internationalen Finanzmärkten hochriskante Finanzgeschäfte getätigt hat, die seiner Stadt nunmehr Verluste in Millionenhöhe verursachen können.
Den Kontrolleuren war grundsätzlich bewusst, dass risikoreiche Geschäfte getätigt wurden. Alle hofften auf zumeist kurzfristige Gewinne, keiner konnte oder wollte die schon mittelfristig auftretenden Risiken ernst nehmen. Bis jetzt ist es noch zu keiner strafrechtlichen Verurteilung oder haftungsrechtlichen Inanspruchnahme irgendeines Verantwortlichen aus den Aufsichtsgremien gekommen, die mit Verwaltungsbeamten und Politikern besetzt sind. Das lässt für die Zukunft nichts Gutes hoffen. Kriminologische Studien belegen: Je geringer für die Täter das Risiko ist, straf- oder haftungsrechtlich belangt zu werden, desto größer ist ihre Bereitschaft zu illegalem Handeln.
Die Forderung nach Transparenz ist im Jahr 2011 unter anderem vor dem Hintergrund der Finanzkrise und der Wahlerfolge der Piratenpartei fast zu einem Allgemeingut aller Parteien geworden. Transparenz ist kein Selbstzweck: Wer in der Demokratie mitentscheiden will, muss informiert sein. Informationen müssen leicht zugänglich sein. Transparenz beugt Mauscheln und Unkorrektheiten vor.
In Sachsen wie in weiteren drei Bundesländern ist bis heute kein Informationsfreiheitsgesetz verabschiedet worden. Transparency International Deutschland begrüßt daher die Initiativen in einigen sächsischen Kommunen nach Einführung einer kommunalen Informationsfreiheitssatzung.
Viele Aufgaben, die früher dem Staat vorbehalten waren, sind mittlerweile privatisiert worden und unterliegen privatwirtschaftlichem Gewinnstreben. Dies muss nicht falsch sein. Oft aber besteht die Gefahr, dass nur kurzfristig Gewinne generiert werden, dabei aber das öffentliche Interesse an einem dauerhaften Erhalt der öffentlichen Infrastruktur und an der Schonung natürlicher Ressourcen zulasten nachfolgender Generationen vernachlässigt werden.
Bei Privatisierungen oder Großprojekten mit langfristigen Auswirkungen auf Umwelt und Mensch bedarf es eines besonders hohen Maßes an Transparenz im Verfahren. Dafür reicht – wie Stuttgart21 gezeigt hat – eine formale Beteiligung der Bürger in Genehmigungsverfahren der herkömmlichen Art oft nicht aus. Der Bürger ist überfordert, wenn er 25 Ordner innerhalb der Einwendungsfrist durcharbeiten und eine qualifizierte Einwendung formulieren soll. Wäre es hier nicht besser, würde man den Vorhabenträger dazu verpflichten, einen bestimmten Geldbetrag (zum Beispiel ein Prozent der geplanten Gesamtkosten) zur Verfügung zu stellen, mit dem der Staat oder neutrale Verbände eigene Gutachten erstellen können?
Nach Umfragen besitzen die politischen Institutionen wie Parlamente und Parteien in Staaten mit einem hohen Maß an Transparenz das größte Vertrauen in der Bevölkerung; gleichzeitig ist die Korruption am geringsten. In Ländern wie Dänemark (Platz 2) und Schweden (jeweils Platz 4 auf dem CPI-Index) besteht eine hohe Kultur von politischer Partizipation.
Deutschland kann sich von diesen Ländern in der Diskussion um mehr Bürgerbeteiligung einiges abschauen.