Interview mit Ton Zijlstra

„Die Verwaltung ist noch nach den Effizienzkriterien des vergangenen Jahrhunderts organisiert und muss sich wandeln, um für die Gesellschaft relevant zu bleiben“, sagt der niederländische Open-Government-Experte und Betreuer der von der EU-Kommission finanzierten ePSI-Plattform Ton Zijlstra. Durch die Freigabe von Daten der öffentlichen Hand komme eine Welle der Veränderung auf die Verwaltung zu, meint Zijlstra im Gespräch mit der futurezone.

Auf der Website des dänischen Unternehmens Husetsweb erhalten Kunden nach Eingabe von Daten zu ihrem Haus Vorschläge, wie sie ihren Wohnraum energieeffizienter gestalten und dazu auch Förderungen erhalten können. Die bulgarische Plattform politikat.net listet Versprechen von Politikern auf und überprüft, ob sie eingehalten wurden. Eine von dänischen Bürgern geschaffene Online-Datenkarte verzeichnet öffentliche Toiletten in Dänemark und vermittelt so älteren Personen und Menschen mit Handicaps Sicherheit bei Ausflügen. „Diese Angebote sind nur möglich, weil Daten aus der Verwaltung verfügbar waren“, sagte der niederländische Open-Government-Experte Ton Zijlstra: „Sie sind Beispiele, wie mit offenen Daten Werte geschaffen werden.“

Vergangene Woche war Zijlstra bei der Open Government Data 2011 Konferenz in Wien zu Gast, wo er über aktuelle Entwicklungen rund um die Freigabe von Verwaltungsdaten in Europa sprach und den durch den durch die Öffnung von Daten ausgelösten Wandel in Verwaltung und Gesellschaft anhand zahlreicher Beispiele veranschaulichte. Die futurezone hat mit Zijlstra über Parallelen zwischen Verwaltung und Unterhaltungsindustrie und offene Daten in Europa gesprochen.

Die für die Digitale Agenda zuständige EU-Kommissarin Neelie Kroes, hat im vergangenen Dezember ein klares Bekenntnis zur Öffnung von Verwaltungsdaten abgelegt. Welche Rolle spielen offene Daten auf europäischer Ebene?
Ton Zijlstra: Die EU-Kommission verspricht sich von offenen Daten einen gewaltigen wirtschaftlichen Effekt  und geht davon aus, dass sie zu neuem Wachstum, neuen Jobs und neuen wirtschaftlichen Aktivitäten führen werden. Die EU-Kommission gibt die Richtung vor. Aber es sind die Mitgliedsstaaten die letztlich entscheiden, welche Schritte tatsächlich gemacht werden.

Welche Entwicklungen und Herausforderungen sehen Sie? Welche Rolle spielen kulturelle Unterschiede?
In Europa gibt es sehr unterschiedliche geschichtliche Bedingungen für Informationsfreiheit und Wiederverwendung. Auch die Diskussion über offene Daten findet in den Mitgliedsstaaten sehr unterschiedlich statt. Schweden hat etwa ein 200 Jahre altes Informationsfreiheitsgesetz. Die Frage, ob Daten verfügbar gemacht werden können, ist also dort seit geraumer Zeit beantwortet. Spanien hat zwar ein Wiederverwendungsgesetz aber kein Informationsfreiheitsgesetz. Die von der Verwaltung publizierten Daten dürfen also wiederverwendet werden. Es gibt allerdings kein Recht darauf, dass die Verwaltung Daten publiziert. In Deutschland wird im Zusammenhang mit offenen Daten vor allem über Datenschutz diskutiert. In Frankreich spielt der Wert der Daten eine große Rolle. In den Niederlanden war die Diskussion von Transparenz und Open Government geprägt und verschiebt sich jetzt in Richtung wirtschaftlicher Auswirkungen. In Osteuropa dienen die Informationsfreiheitsgesetze als Vehikel für die Wiederverwendung. Die Praxis ist aber meist nicht so ambitioniert, wie es das Gesetz schon vorschreibt. Es gibt also große Unterschiede. Das gibt uns aber auch die Möglichkeit zu experimentieren und aus unterschiedlichen Erfahrungen zu lernen.

Viele Initiativen in Europa beginnen lokal und gehen von der Community aus. Warum kommen solche Impulse nicht aus der Administration selbst?
Politik und Verwaltung laufen der Realität immer ein bisschen hinterher. Das ist wahrscheinlich in allen Bereichen so. Wir haben es bei offenen Daten mit einem neuen Gebiet zu tun. Wir wissen nicht, wie Open Government Data und die damit verbundenen Möglichkeiten gut organisiert werden können. Wir müssen experimentieren. Die Verwaltung ist überlicherweise nicht der Ort, an dem experimentiert wird. Das erwarten wir als Bürger auch nicht. Grasswurzel-Aktivitäten und Bottum-up-Inititativen eigenen sich sehr gut, um einen Raum für Experimente zu schaffen. Diese Experimente verhelfen uns zu Beispielen, mit denen wir andere überzeugen können, auch einen kleinen Schritt zu machen.  Gleichzeitig gibt es aber auch Druck von oben, etwa über die EU-Direktive zur Weiterverwendung von Informationen des öffentlichen Sektors (PSI-Direktive) und Informationsfreiheitsgesetze. Die geben aber nur den Rahmen vor. Um ihn umzusetzen, brauchen wir Bottom-up-Initiativen, auch in der Verwaltung. Wenn etwa eine kleine Abteilung sagt, wir publizieren jetzt erstmal fünf Datensätze und sehen was passiert.

Sie haben die Verwaltung mit der Medien- und Unterhaltungsindustrie verglichen…
Ich sehe Open Data als eine weitere Erscheinungsform digitaler disruptiver Prozesse, die andere Bereiche schon durchlebt haben. Unsere Verwaltung ist heute noch nach den Effizienzkriterien des vergangenen Jahrhunderts organisiert. Die Zentralisierung war in einer nicht vernetzten Gesellschaft eine billige logistische Lösung, um effektiv zu agieren. Auf eine vernetzte Gesellschaft trifft das nicht mehr zu. Wir sehen jetzt, dass die Verwaltung wenig flexibel und träge ist und wissen, dass es bessere Möglichkeiten der Organisation gibt. Das bringt eine Disruptionswelle, die die Musikindustrie und die Verleger bereits zu spüren bekommen haben. Sie mussten feststellen, dass sie nicht mehr relevant sind. Die gleiche Gefahr droht der Verwaltung. Wir müssen aber einen Weg finden, damit die Verwaltungsinstitutionen relevant bleiben. Sonst landen wir im Chaos. Wir befinden uns in einer Phase der Transformation und müssen dafür sorgen, dass sich die Strukturen der Verwaltung wandeln.

Wo sehen Sie die größten Barrieren für die Umsetzung offener Daten?
Ich habe in Workshops nach solchen Barrieren gefragt. Dort haben Teilnehmer beschrieben, welche Barrieren sie erlebt haben. Dabei ist herausgekommen, dass technische und juristische Fragen nicht die größten Barrieren sind, obwohl sich ein großer Teil der Diskussion darum dreht. Die größten Barrieren finden sich in der Verwaltung selbst und bei den Bürgern, als Wiederverwerter dieser Daten. Die Verwaltung steht vor einem Wandlungsprozess und einem Gesinnungswandel. Es muss alles neu organisiert werden. Aber auch die Bürger müssen sich wandeln. Wir müssen uns Fähigkeiten aneignen, um mit diesen Daten umgehen zu können. Wir müssen unsere Beziehung zur Verwaltung neu definieren und neue Wege finden, mit der Verwaltung ins Gespräch zu kommen. Wir müssen uns mit den Mitteln, die wir zur Verfügung haben, neu erfinden.

Wie könnte ein solches neues Verhältnis zwischen Bürgern und Verwaltung aussehen?
Ein Beispiel wären kollaborative E-Government-Angebote. In Stockholm können etwa Bürger über eine Online-Plattform neue Ideen und Projekte im Kulturbereich vorschlagen und Kulturporjekte auch finanziell unterstützen. Das Kulturamt vervielfacht aus ihrem Budget die Zusagen der Bürger. Sie entscheidet also nicht mehr alleine, wie die Mittel ausgegeben werden. Es entsteht eine Interaktion zwischen Bürgern und Verwaltung. Das ist eine Art des Austausches, der davor nicht stattgefunden hat.

Viele Verfechter offener Daten wünschen sich, dass nicht nur die öffentliche Verwaltung sondern auch private Organisationen und Unternehmen Daten freigeben. Welche Chancen sehen Sie da?
Ich gehe davon aus, dass es in den nächsten zwölf Monaten auch viele private Organisationen und Unternehmen geben wird, die Daten bereitstellen werden. Private Unternehmen sind daran interessiert, die von den Behörden freigegebenen Daten um eigene Daten zu ergänzen. Dadurch entstehen auch neue Möglichkeiten. In Enschede, meiner Heimatstadt, haben etwa private Gesundheitsorganisationen angekündigt, Daten über die Nutzung ihrer Dienstleistungen bereitzustellen, wenn die Stadt demografische Informationen zur Verfügung stellt. Aus der Kombination dieser Daten können etwa Karten entstehen, auf denen zu sehen ist, wo es in der Stadt Leute gibt, die ein Anrecht haben, bestimmte Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, davon aber keinen Gebrauch machen. Das ist für viele dieser Organisationen ein Problem. Dasselbe gilt für viele andere Bereiche.

Wie wird es mit offenen Daten in Europa weitergehen?

Die Diskussion auf europäischer Ebene über die Weiterverwertung von öffentlichen Daten dauert schon 20 Jahre und wird wohl noch weitere 20 Jahre dauern. Es gibt noch sehr viel zu tun. Es ist auch nicht so, dass wir wissen, was der Endpunkt dieses Prozesses sein wird. Wir werden zu neuen Einsichten gelangen. Mit jedem Schritt werden weitere Schritte ersichtlich werden. Aber wir werden dann schon viele Beispiele haben, die den Wert offener Daten demonstrieren und auch zeigen, wie sich die Gesellschaft unter dem Einfluß der Verfügbarkeit dieser Daten verändert. Wir sind also auf einer Reise, deren Ziel nicht klar umschrieben ist. Wir haben nur gewisse Hoffnungen, was wir dort finden werden.