Von Beate Schierle
Jeder hat’s, jeder trägt’s: Das T-Shirt ist eines der beliebtesten Kleidungsstücke der Deutschen. Schön, wenn dann auch noch pure Naturfaser auf der Haut liegt.
Doch Achtung: Selbst wenn auf dem Etikett steht „100 Prozent Baumwolle“, liegt der Gewichtsanteil der Naturfaser am fertig genähten T-Shirt nur bei 70 bis 80 Prozent. Der Rest sind Zusatzstoffe, die bei der Textilherstellung verwendet werden. Etwa 7000 Hilfsmittel und rund 500 Farbstoffe sind bekannt.
Doch was genau im eigenen Shirt steckt, ist unklar. Die Hersteller müssen nur die Faserzusammensetzung deklarieren. Welche Farben verwendet wurden, wie umweltschonend gefärbt wurde, die Arbeitsbedingungen für die Menschen, die die Shirts nähen – all das erfährt man nicht. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) fordert daher eine gesetzliche Informationspflicht für Textil-Hersteller. „Die Politik muss dafür sorgen, dass dieser Etikettenschwindel ein Ende hat“, erklärt der vzbv-Vorstand Gerd Billen.
Ebenfalls ein großes Rätsel sind bei den meisten Firmen die Arbeitsbedingungen der Menschen, die die Bekleidung nähen. „Viele Firmen im Textilhandel versprechen ihren Kunden mehr Umwelt- und Sozialverantwortung, als sie letztlich einhalten. Daher muss ein entsprechender Auskunftsanspruch im Verbraucherinformationsgesetz verankert werden“, fordert Verbraucherschützer Billen.
Hilfsstoffe sind bei Bekleidung unumgänglich. Bis aus gepflückter Rohbaumwolle ein T-Shirt entsteht, sind viele Arbeitsgänge erforderlich. Oft kommt dabei Chemie zum Einsatz. Vieles ist vor allem für die Arbeiter vor Ort problematisch – etwa Lösungsmittel und Farben, mit denen die Menschen bei schlechten Produktionsabläufen direkt Kontakt haben.
Andere Stoffe betreffen auch den Verbraucher. Problematisch sind etwa bestimmte Azo-Farbstoffe, die Amine abspalten können. Diese Amine können Krebs erzeugen. Die meisten gefährlichen Farbstoffe sind in Europa zwar verboten. Aber der Großteil der Bekleidung kommt aus Dritte-Welt-Ländern. „Da wird schlicht das benutzt, was billig ist“, sagt Cornelia Voss, Textilexpertin beim Wissenschaftsladen in Bonn. Das bedeutet: Obwohl diese Stoffe längst verboten sind, können sie in Kleidung immer noch vorkommen.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung hält neben den Azo-Farbstoffen auch Hilfsstoffe wie Formaldehyd (für Bügelfreiheit), Beschichtungen wie Fluorpolymere aber auch Bakterienkiller (Biozide) wie Silber und Triclosan für problematisch. In Verruf geraten sind auch organische Zinn-Verbindungen, die oft in den Aufdrucken sitzen. Ab wann diese Stoffe für den Verbraucher giftig werden, ist schwer einzuschätzen. Die meisten lösen sich durch Schweiß leichter aus. Oft sind sie in Kombination noch schädlicher.
Manche Farbstoffe lösen zudem Allergien aus. Meist sind das Hautirritationen. Relativ häufig treten solche Probleme bei der Farbe Schwarz auf. Sie ist schwer zu färben, haftet nicht gut an der Faser und ist nicht gut waschbeständig. Wer empfindliche Haut hat, sollte hier besonders vorsichtig sein und im Zweifel lieber auf Schwarz verzichten.
Problematisch ist auch die immer häufigere Verwendung von Bakterienkillern wie Nano-Silber oder Triclosan. Sie werden gern bei Funktionskleidung oder bei Unterwäsche oder Socken verwendet. Das Problem bei Nano-Silber: „Die Silberpartikel sind so klein, dass sie in den Körper aufgenommen werden können. Und darüber weiß man zu wenig“, sagt Cornelia Voss. Das Desinfektionsmittel Triclosan hat in Bekleidung schon gar nichts zu suchen: „Für Hygiene wird da viel Werbung gemacht. Aber das bringt gar nichts und beeinträchtigt auch die Hautflora.“ Sie empfiehlt, Kleidungsstücke mit Hygiene-Ausrüstung zu meiden.
Immerhin – es tut sich schon einiges in Sachen Bekleidung. Bei ihrem jüngsten Test fand die Stiftung Warentest bei den schwarzen T-Shirts im Stoff selbst keine schädlichen Stoffe – wohl aber auf den bunten Aufdrucken. Und inzwischen sind einige Label auf dem Markt, die entweder auf Schadstofffreiheit oder soziale Produktionsbedingungen abheben. Allerdings gibt es da einen ziemlichen Wirrwarr, weil jeder Hersteller Wert auf etwas anderes legt. „Dennoch sollte man diese Labels unterstützen“, findet Cornelia Voss.
T-Shirts reisen weit. Und sie werden dort genäht, wo’s billiger ist. Die Stiftung Warentest besuchte für ihren jüngsten Test 14 Nähereien und 9 Färbereien in Bangladesch, Bosnien-Herzegowina, Deutschland, Estland, Indien, Litauen, Mauritius, Portugal und der Türkei. Deutlich mehr als den Mindestlohn zahlen nur wenige, etwa Hess Natur in Litauen. Auch Trigema bezahlt seine deutschen Angestellten über Tarif, ebenso Panda in der Färberei. In Bangladesch demonstrierten dieser Tage die Näherinnen: Statt 20 Euro Monatslohn wollen sie 58 Euro. Auch Ernsting’s family und Peek & Cloppenburg ließen ihre T-Shirts in Bangladesch produzieren. Immerhin: Laut Stiftung Warentest sind die Produktionsbedingungen fair, und neben den kargen Mindestlöhnen wurden extra Boni gezahlt.
Aber es gibt auch die Schweigsamen. Gar keine Einblicke in ihre soziale Verantwortung für die Herstellerfirmen gaben der Stiftung Warentest H & M, Mexx, NKD und zero. Gerade H & M enttäuschte die Tester– immerhin ist die Firma eine der erfolgreichsten Modeketten in Europa, die seit Jahren an einem grünen Image feilt.
Verbraucherschützer Gerd Billen sieht aber nicht nur die Herstellerfirmen in der Pflicht. Die „Geiz-ist-geil-Mentalität vieler Verbraucher trägt mit dazu bei, dass die Textilarbeiter in Asien oder Osteuropa unter unwürdigen Bedingungen arbeiten müssen“, sagt er. „Billige T-Shirts haben durchaus ihren Preis – nur, dass andere Menschen ihn zahlen.“