Freiheit für Regierungsdaten

Von Christiane Schulzki-Haddouti

E-Government ist gut für Staat und Bürger – aber nur dann, wenn die Behörden die von ihnen gesammelten Daten auch wieder herausrücken. In den USA bemühen sich zahlreiche Initiativen auch seitens der Regierung um mehr Offenheit. In Europa arbeitet auch WWW-Erfinder Tim Berners-Lee daran mit, die Datenschätze der Behörden zugänglich zu machen.

Am 8. Dezember 2009 erteilte das Weiße Haus allen US-Bundesbehörden die Anweisung, bis Ende Januar 2010 mindestens drei hochwertige Datensätze im öffentlichen Interesse im Rahmen der Open-Government-Initiative frei zugänglich zu machen. Damit soll eines der Versprechen der Regierung von Präsident Barack Obama erfüllt werden, nämlich mittels Öffnung staatlicher Datenbanken für mehr Transparenz im Land zu sorgen.

Für Clay Johnson, Chef des amerikanischen Sunlight Labs, ist die Formel denkbar einfach: “Open Source und offene Daten ergeben eine bessere Regierung.” Die Losung von US-Präsident Barack Obama, die “offene Verwaltung” zum Regierungsziel machen zu wollen, löste unter Web-Entwicklern einen regelrechten Kreativitätsschub aus – auch diesseits des Atlantiks.

Kein geringerer als Berners-Lee ist der Kopf hinter einem der zurzeit ambitioniertesten Web-Projekte. Noch ist es lediglich unter der Internet-Adresse Data.gov.uk bekannt, doch schon in wenigen Tagen wird es das, was Bürger in Großbritannien unter “Verwaltung” verstehen, grundlegend ändern: Data.gov.uk ist die Plattform, in der britische Behörden ihre Daten der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Anonyme Daten sollen etwa das Schulsystem, das Gesundheitssystem und das Justizsystem beleuchten. Bisher, so meint Berners-Lee, hätten die Regierungen die Daten gesammelt und für sich behalten. Jetzt gehe es darum, das riesige Potenzial, das in ihnen stecke, zu entdecken. Die Forderung müsse daher überall auf der Welt dieselbe sein: “Gebt uns jetzt die Rohdaten!”

Das Vorbild für die Briten ist das US-Projekt Data.gov, das Obama ins Leben rief. Es bietet Hunderttausende Datensätze zu Wetteraufzeichnungen, Energie und Verbrauch sowie Umwelt, aber auch Daten der Weltraumbehörde NASA. Bürger können hier entweder die Rohdaten ansehen oder über verschiedene Werkzeuge und Widgets eigene Anwendungen gestalten.

So gibt es etwa bereits Grippeaktivitäts-Widgets, die auf einer Landkarte anzeigen, wie stark verbreitet die herkömmliche Grippe oder die H1N1-Grippe in der vergangenen Woche in verschiedenen Bundesstaaten war. Mit anderen Widgets können Bürger erfahren, ob das Trinkwasser in ihrem Bezirk verunreinigt wurde oder welchen Firmen in ihrem Umkreis die Ausleitung von Abwässern erlaubt wurde. Praktisch dürfte auch das Widget sein, das die Höhe der UV-Strahlung für eine bestimmte Region mitteilt. Die überwältigende Mehrheit der jetzt veröffentlichten Daten wartet jedoch noch auf bürgerfreundliche Auswertungen und Anwendungen.

Im Vorfeld der Konferenz Gov 2.0 in Washington wurde daher unter Entwicklern ein Wettbewerb ausgeschrieben: Apps for America. Ausgewählt wurden schließlich die drei Anwendungen DataMasher, GovPulse und ThisWeKnow. Der DataMasher vergleicht verschiedene Data.gov-Datensätze wie “Armut” und “Arbeitslosigkeit”, um die ärmsten Regionen zu zeigen – oder Datensätze wie “Krebsrate” und “Kindersterblichkeit”, um die “ungesündesten” US-Bundesstaaten zu finden.

GovPulse wiederum hält den Finger auf den Puls der Behörden: wie viele Gesetze, Verordnungen und Korrekturen sie in die Wege leiten, mit welchen Themenschwerpunkten sie sich befassen, welche Orte und Regionen von ihren Aktivitäten betroffen sind – versehen mit Links zu den jeweiligen Dokumenten und Quellen. ThisWeKnow schließlich zeigt, welche Daten zu welchen Orten verfügbar sind. So ist auf einen Knopfdruck zu erfahren, dass in San Francisco 45 Prozent der Einwohner in den letzten 15 Jahren bereits einmal umgezogen sind, rund neun von 1.000 Einwohnern als gewalttätig aufgefallen sind oder offizielle Berichte über zehn ortsansässige Unternehmen vorliegen.

Auch Google hat sich bereits in Position gebracht, um den gigantischen Datenschatz auszuwerten. Der Suchmaschinenkonzern hat dabei den Vorteil, mit dem Schweden Ola Rosling einen Visionär der “offenen Daten” für sich gewonnen zu haben. Rosling hatte mit Trendalyzer eine Visualisierungssoftware entwickelt, mit der er die Daten der Weltgesundheitsbehörde (WHO) so aufbereitete, dass allgemein verbreitete Ansichten – etwa dass die Höhe der Lebenserwartung zwangsläufig von der Höhe des Bruttoinlandsprodukts abhängen muss – ins Wanken kamen. Da Länder wie China und Kuba in puncto Lebenserwartung mit den reichsten Industriestaaten mithalten können, ist offensichtlich, dass die Höhe der Lebenserwartung auch Resultat einer bestimmten Gesundheitspolitik sein kann.

Google konnte Rosling samt Trendalyzer für sich gewinnen. Seit kurzem steht die Software jedem als Google-Gadget “Motion Chart” kostenlos zur Verfügung – und Rosling wartet darauf, dass Nutzer nun mit allerlei Statistiken zu spielen anfangen, um neue, spannende Erkenntnisse zu gewinnen. Die Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat hält er etwa für “wunderbar”, da die Behörde sie ganz traditionell in einem schier endlosen Tabellenwerk präsentiert. Google selbst hat mit den Arbeitslosenzahlen in den USA vorgemacht, wie sich das neue Gadget nutzen lässt. Die Daten können über eine Schnittstelle zur amtlichen Statistik auf dem aktuellen Stand gehalten werden. Als die Weltbank über eine offene Programmierschnittstelle ihre Daten zu den 17 Weltentwicklungsindikatoren freigab, integrierte Google die Daten prompt in sein Suchangebot und bereitete sie für sein neues Visualisierungstool auf.

Kleinere Brötchen bäckt der vor kurzem in Berlin gegründete zivilgesellschaftliche Verein Open Data Network. Daniel Dietrich, Gründer von Open Data Network, will, dass “alle Daten und Informationen, die in Politik, öffentlicher Verwaltung und Wissenschaft durch Steuergeldern finanziert anfallen”, erst einmal “der Öffentlichkeit in vollem Umfang, ungefiltert und kostenfrei über offene maschinenlesbare Schnittstellen (APIs) in offenen Formaten und unter Lizenzen zur Verfügung gestellt werden, so dass sie weiterverarbeitet werden können”. Im kommenden Jahr will Dietrich ganz nach dem Vorbild von Apps4Democracy in den USA ein Projekt namens “Apps4Democracy Deutschland” starten. Es soll Open-Data-Anwendungen für das iPhone und Facebook entwickeln.

Auch auf europäischer Ebene gibt es Ansätze für eine Öffnung der Daten. So wurde anlässlich des Ministerial eGovernment Meeting and Conference in einer Ministererklärung verlangt, dass die Verwaltungen sich für die Bürger öffnen müssten. Zu den auf der Konferenz ausgezeichneten Gewinnern des European eGovernment Awards gehört denn auch das dänische Projekt Genvej: Bürger können damit selbst alle wichtigen Informationen und Dienste der öffentlichen Verwaltung in Dänemark abrufen. Damit das nicht nur in Dänemark so bleibt, forderten Vertreter der Zivilgesellschaft in einer offenen Erklärung, dass in ganz Europa “Regierungsdaten und -dienste so verfügbar gemacht werden sollen, dass andere auf ihnen aufbauen können”.