Sendung vom 05. Februar 2009, Autor: Chris Humbs und Eva Simon
Wenn Staatshilfen an Banken und Unternehmen fließen, dürfen Bürger wie zum Beispiel geprellte Anleger die Akten der amtlichen Finanzaufsicht einsehen. Doch damit soll jetzt Schluss sein. Die bayerische Landesregierung will das Informationsfreiheitsgesetz des Bundes beschneiden lassen. Zufall? Besonders viele bayerische Unternehmen rufen jetzt um Hilfe und wollen Geld vom Staat.
Zum Glück gibt es da ja noch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. Komplizierter Name für eine gute Sache. Die Finanzaufsicht ist nämlich dazu da, die Banken zu kontrollieren. Jeder Bürger kann sich dort grundsätzlich informieren, und einen Blick in die Akten werfen. Dafür gibt es extra ein Gesetz, das Informationsfreiheitsgesetz. Doch das passt dem neuen starken Mann in Bayern überhaupt nicht! Ministerpräsident Horst Seehofer will das Gesetz ändern! Chris Humbs und Eva Simon.
Horst Seehofer, Bayernliebling, Kraftprotz. Er bestimmt, wo’s langgeht.
Mitten in der Wirtschaftskrise will er die Transparenz abschaffen. Wo Banken und Politiker Fehler machen, das soll in Zukunft niemand erfahren.
Seehofer will brisante Akten geheim halten – die Kontrollberichte der BaFin, der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht.
In deren Berichten ist zu lesen, was schief lief, wie die Aufsicht, wie Gremien, nicht selten besetzt mit Politikern, wie Banker versagt haben.
Heikle Akten also. In die niemand mehr einsehen soll.
Dieser Mann ist mit schuld an Seehofers Antitransparenzinitative. Paul Laue. Er sucht Zugang zu den Akten der Bankenaufsicht. Für Seehofer ein Unding.
Ehepaar Laue hat aber gute Gründe dafür. 100.000 Euro aus der Unfallversicherung hatten sie bei einem Kapitaldienstleister angelegt. Der hat das Geld der Laues verzockt. Eine Katastrophe für die Rentner.
Paul Laue, Opfer eines Finanzdienstleisters
„Das waren fast unsere gesamten Ersparnisse.“
Jetzt hoffen die Laues, mithilfe der Bankenaufsicht Schadensersatz gegen den Kapitaldienstleister durchsetzen zu können. Denn: Bei den staatlichen Kontrolleuren liegen Akten über die Finanzfirma. Und diese können eventuell belegen, dass die nicht sauber gearbeitet hat. Sie hoffen nun, wenigstens ein paar tausend Euro zurück zu bekommen.
Paul Laue, Opfer eines Finanzdienstleisters
„Wenn es nur einige Prozent der Verlustsumme wäre, die eben ein Rechtsanwalt durch Einsicht dieser Akten für uns erstreiten könnte, das wäre schon ein Riesengewinn.“
Bisher gibt es ein grundsätzliches Recht auf Einsicht in die Akten der Bundesbehörden.
Das ist im Informationsfreiheitsgesetz festgeschrieben.
Darin steht, Zitat:
„§1 Grundsatz – Jeder hat nach Maßgabe dieses Gesetzes gegenüber den Behörden des Bundes einen Anspruch auf Zugang zu amtlichen Informationen.“
Darauf setzt Rechtsanwalt Klaus Nieding. Er vertritt viele Geschädigte des Kapitaldienstleisters und hat auf Grund dieses recht neuen Gesetzes in erster Instanz Akteneinsicht bei der BaFin durchsetzen können – im Interesse der Anleger.
Klaus Nieding, Rechtsanwalt, Deutscher Anlegerschutzbund
„Es hilft natürlich dem Anleger zur Waffengleichheit im Rahmen eines zivilrechtlichen Prozesses zu kommen, denn oftmals ist er ja nicht in der Lage, interne Vorgänge, interne Abläufe, aber auch interne Fakten und Daten bei Finanzdienstleister darlegen und beweisen zu können. Dabei helfen ihm natürlich Verwaltungsakten etwa der Bafin.“
Genau daran stört sich Seehofer. Denn diese Akten kommen so an die Öffentlichkeit. Und wenn einmal Akteneinsicht gewährt wird, könnten viele weitere Antragsteller folgen. Um das zu verhindern, plant Seehofer jetzt, das Informationsfreiheitsgesetz zu ändern. Ausgerechnet die Bankenaufsicht soll künftig Akten geheim halten dürfen. Und zwar, Zitat:
„… zur Wahrung der Integrität und Stabilität der Finanzmärkte …“
- so heißt es dann im Gesetz.
Klaus Nieding, Rechtsanwalt, Deutscher Anlegerschutzbund
„Kurz gesagt schafft man so eine Black Box, hinter der sich die Verantwortlichen im Finanzwesen dann wunderbar verstecken und verschanzen können. Das kann es und darf es nicht geben.“
Mitten in der Finanzkrise will Horst Seehofer so Transparenz abbauen. Vor unserer Kamera will er sich dazu nicht äußern. Er schickt lieber den neuen bayrischen Wirtschaftsminister vor – der sei schließlich formal dafür zuständig. Und der FDP-Mann ist auch für die Geheimhaltung.
Martin Zeil (FDP), Wirtschaftsminister Bayern
„Ich meine, dass es in der Sache richtig ist, weil wir hier auch das Bedürfnis auch nach Wahrung des Bankgeheimnisses übrigens auch nach dem Datenschutz Dritter hier in Einklang bringen müssen.“
Das ist Unfug: Denn im Informationsfreiheitsgesetz ist klar geregelt, dass vor Herausgabe der Akten Bankgeheimnisse, Kontonummern oder Klarnamen sowieso geschwärzt werden müssen.
Haltbare Argumente hat man nicht. Man will die Intransparenz – egal zu welchem Preis.
KONTRASTE
„Pauschal dürfen keine Akten mehr eingesehen werden. Also das heißt, man beschneidet massiv Bürgerrechte?“
Martin Zeil (FDP), Wirtschaftsminister Bayern
„Nein, das, ich das… das, ich sehe das, das muss man in Einklang miteinander bringen. Hier wird das Recht auch des Einzelnen, zum Beispiel auch gegen seine Bank natürlich vorzugehen in keiner Weise beschnitten.“
KONTRASTE
„Doch, wenn ich die Akten nicht mehr einsehen darf? Bei der BaFin, bei der Bundesbank?“
Martin Zeil (FDP), Wirtschaftsminister Bayern
„Es geht ja um die Akten bei der Bankenaufsicht, die zum Teil ja, großen Teil ja auch mit dem konkreten Anliegen jetzt des einzelnen Bürgers nichts zu tun haben, sondern die umfassend …“
KONTRASTE
„Sehr wohl! Wenn ich nachweisen will, dass meine Bank falsch gearbeitet hat, und vielleicht kann ich das nachprüfen über Kontrollberichte der BaFin. Diese Bundesakten darf ich aber in Zukunft nicht mehr einsehen!“
Martin Zeil (FDP), Wirtschaftsminister Bayern
„Die Bankenaufsicht muss funktionieren, das ist sehr wichtig.“
Mit solchen Rechtfertigungen haben die Bayern im Bundesrat eine Mehrheit gegen die Transparenz organisiert – von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt. Medienwirksam dagegen: Seehofers Auftritt als Geläuterter.
Horst Seehofer (CDU), Archiv
„Ich möchte mich bei der Bevölkerung entschuldigen für die Fehler die in der Bank und im Freistaat Bayern gemacht wurden.“
Über Horst Seehofers Entschuldigung für die Pleite bei der Bayern-LB kann Ehepaar Laue nur müde lächeln. Ihnen will die ganze Geheim-Sache nicht in den Kopf.
Paul Laue, Opfer eines Finanzdienstleisters
„Es muss ja einen Grund geben, warum man die Öffentlichkeit scheut und diese Akten wegschließt. Und sagt, nein, nein, das geht euch nichts an. Da gibt’s keine Einsicht mehr. Da werden sicherlich auch viele andere Akten betroffen sein.“
Stimmt! Es gibt viele brisante Akten, die die Öffentlichkeit bis dato nicht kennt. Das weiß auch Finanzexperte Wolfgang Gerke. Aus den Dokumenten der Bankenaufsicht gehen nicht nur Fehler der Bankmanager hervor, sondern auch Fehler, die bei der Bankenaufsicht gemacht wurden. Auch und gerade im Vorfeld der Finanzkrise.
Wolfgang Gerke, Wirtschaftswissenschaftler, Bayerisches Finanz Zentrum
„Im Moment gibt es am meisten zu verstecken. Was hätte die Aufsicht sehen müssen, was hat sie gesehen und trotzdem keine Maßnahmen eingeleitet, und was ist ihr durch die Lappen gegangen. Das kann ein Außenstehender nicht beurteilen. Es sei denn er hat Akteneinsicht.“
Das betrifft alle aktuellen Fälle. Zum Beispiel: Maria-Elisabeth Schäffler. Was wusste die Bankenaufsicht über ihre Finanzdeals, die das Schäffler-Imperium und damit 10 Tausende Arbeitsplätze aufs Spiel setzten? Akten darüber könnten vielleicht auch ein Versagen der kontrollierenden Behörden offenbaren.
Die Hypo-Real-Estate, bald ein Grab für 100 Milliarden? Steuergelder – Wer in der Politik trägt Mitverantwortung?
Oder die Bayern LB: was haben die Politiker von der CSU wirklich gewusst?
Informationen darüber: Geheimsache – Geht es nach Seehofer und der bayrischen FDP.
Doch: Wer die Fehler der Vergangenheit nicht kennt, kann nicht verhindern, dass diese Fehler in Zukunft wiederholt werden.
Das weiß auch die Bundes-FDP. Dort hält man gar nichts von der bayrischen Anti-Transparenz-Initiative.
Man befürchtet aber, dass die Mehrheit im Bundestag, die meisten Abgeordneten von SPD und Union, gar nicht so genau wissen wollen, was alles schief gelaufen ist. Schließlich könnten dabei Informationen ans Licht kommen, die Fehler der eigenen Regierung offenbaren.
Jürgen Koppelin (FDP), finanzpolitischer Sprecher
„Das Interesse der großen Koalition, der Abgeordneten, wohlgemerkt, ist nicht allzu groß, Informationen zu bekommen. Und in sofern denke ich, wird die bayrische Initiative auch durchgehen im Bundestag.“
Paul Laue, Opfer eines Finanzdienstleisters
„Ich finde es unmöglich, ich finde es beschämend, wenn so was passiert. Da würde ich gerne mit diesen Leuten im Bundestag, die dafür die Hand heben, mit denen würde ich gerne mal diskutieren.“
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