Von Manfred Redelfs
Seit vier Jahren gibt es in Grossbritannien ein Informationsfreiheitsgesetz, das fuer mehr Verwaltungstransparenz sorgt. Anders als in Deutschland wird die Regelung von Journalisten intensiv als Rechercheinstrument genutzt.
Der Polizeieinsatz gegen die Umweltschuetzer war massiv: 1.500 Beamte raeumten das Klimacamp, das als Protest gegen ein neues Kohlekraftwerk im Suedosten Englands gedacht war. Der Oeffentlichkeit wurde danach mitgeteilt, das Aufgebot sei schon deshalb verhaeltnismaessig gewesen, weil 70 Polizisten verletzt wurden, was die Aggressivitaet der Klimaschuetzer belege. Die oppositionellen Liberaldemokraten wollten es genauer wissen und verlangten unter Berufung auf den britischen Freedom of Information Act eine Aufschluesselung der Verletzungen, die die Beamten davongetragen hatten. Die erste Ueberraschung war, dass die Polizei nur zwoelf Blessuren in den eigenen Reihen benennen konnte, saemtlich Bagatellen. Davon gingen lediglich vier auf den eigentlichen Polizeieinsatz zurueck. Ansonsten fanden sich in der “Verletztenliste” Angaben wie Kopfschmerzen, Zahnschmerzen, Durchfall, Insektenbisse und Hitzschlag, denn der Einsatz fand im vorigen Sommer an einem heissen Augusttag statt. Gut, dass da mal jemand nach den Details gefragt hatte.
Diese Moeglichkeit, der Verwaltung in die Akten zu schauen und sehr praezise Angaben zu bisher rein internen Vorgaengen zu verlangen, eroeffnet das britische Informationsfreiheitsgesetz. Es ist zum Jahresbeginn 2005 in Kraft getreten, ein Jahr vor seinem deutschen Gegenstueck. Staerker noch als in der Bundesrepublik bedeutet diese Reform einen Kulturwandel in der Verwaltung: Bis dahin wurde die Informationspolitik in Grossbritannien durch den Official Secrets Act gepraegt, der die Behoerden auf die Geheimhaltung verpflichtete. Das Informationsfreiheitsgesetz kehrte schliesslich die Verhaeltnisse um und machte die Oeffentlichkeit zum Regelfall, die Geheimhaltung aber zur begruendungsbeduerftigen Ausnahme. Jeder Buerger hat nun die Moeglichkeit, Informationen von den Behoerden zu verlangen, ohne Nachweis eines berechtigten Interesses.
Diese Gesetzeslage bringt vor allem den Journalisten grosse Vorteile, denn anders als in Deutschland gab es in Grossbritannien bis dahin keinen rechtlich garantierten Auskunftsanspruch gegenueber Behoerden. Der Freedom of Information Act ist deshalb zu einem wichtigen Rechercheinstrument geworden, wie die Liste der Berichte zeigt, die auf das Transparenzgesetz zurueckgehen: Sie reicht von der Ueberlebensrate bei Herzoperationen, aufgeschluesselt nach einzelnen Krankenhaeusern, ueber die Ergebnisse der Sicherheitsueberpruefungen bei Kernkraftwerken bis zur Steuerbefreiung, die Ryanair in einzelnen Kommunen geniesst. Auch historische Sachverhalte konnten neu bewertet werden. So musste das Aussenministerium offenbaren, wie es in den fuenfziger Jahren Israel beim Aufbau eines Nuklearprogramms unterstuetzt hatte. “Jeden Tag gibt es Artikel in den Zeitungen, die mit Hilfe des Informationsfreiheitsgesetzes recherchiert wurden”, berichtet Richard Thomas, der britische Ombudsmann fuer den Freedom of Information Act.
Die BBC hat eine eigene Rubrik auf ihrer Homepage eingefuehrt, die Recherchen mit Hilfe des IFG versammelt. Die Coalition for Freedom of Information hat beispielhaft 1.000 Artikel zusammengestellt, die allein in den ersten zwei Jahren dank der Gesetzesreform in nationalen Zeitungen erschienen sind. Die britischen Journalisten haben damit auch wesentlich dazu beigetragen, das Transparenzgesetz in der breiten Oeffentlichkeit bekannt zu machen. Das schlaegt sich unmittelbar in den Antragszahlen nieder: In den ersten vier Jahren gab es ueber 300.000 Auskunftsbegehren, davon etwa zehn Prozent von Journalisten. Zum Vergleich: In Deutschland waren es im ersten Jahr ganze 2.278 Antraege, von denen sich 92 eindeutig als Medienanfragen zuordnen liessen. Seitdem ist die Antragszahl in der Bundesrepublik weiter zurueckgegangen. Allerdings bezieht sich das britische Gesetz auch auf die lokale Ebene, waehrend das deutsche nur die Bundesbehoerden erfasst.
Die Unterschiede in der Nutzung sind nicht zuletzt im Gesetz selbst begruendet. Waehrend das deutsche Transparenzgesetz einen langen Katalog sehr restriktiver Ausnahmeregelungen enthaelt, eroeffnet das britische weitaus bessere Moeglichkeiten, tatsaechlich an Informationen zu gelangen. Hinzu kommt, dass im Nachbarland bei allen heiklen Themen ein public interest test greift: Sofern das oeffentliche Interesse an der jeweiligen Information schwerer wiegt als das Geheimhaltungsinteresse, muss freigegeben werden. In Deutschland dagegen koennen Firmen, die von Behoerdeninformationen betroffenen sind, die Veroeffentlichung unter Hinweis auf Betriebs- und Geschaeftsgeheimnisse blockieren. Ein anderer wichtiger Unterschied ist, dass in Deutschland hohe Bearbeitungsgebuehren erhoben werden koennen, waehrend im Nachbarland hoechstens die Auslagen fuer Kopien bezahlt werden muessen.
Der britische Ombudsmann Richard Thomas zieht denn auch eine positive Bilanz der ersten Jahre und konstatiert, das Gesetz sei “zu einem selbstverstaendlichen Teil des oeffentlichen Lebens geworden”. Auch die Politik hat sich mit der neuen Offenheit angefreundet: Premierminister Gordon Brown hat sich oeffentlich klar zu der Reform bekannt. Dabei haette er allen Grund, skeptisch zu sein, denn seinem Vorgaenger Tony Blair wurde vorgehalten, er habe die Flugbereitschaft fuer seine privaten Urlaubsreisen genutzt und dadurch dem Steuerzahler Kosten von rund 130.000 Britischen Pfund aufgebuerdet – recherchiert von der Times mit Hilfe des Freedom of Information Act.
The Information Commissioner’s Office (ICO)
http://www.ico.gov.uk/
BBC Freedom of Information Act Website
http://www.bbc.co.uk/foi/
Coalition for Freedom of Information
http://www.freedomofinfo.org/
UK Freedom of Information Blog
http://foia.blogspot.com/
Campaign for Freedom of Information
http://www.cfoi.org.uk/
Open Government: a journal on freedom of information
http://www.opengovjournal.org/
Dynamic Coalition on Freedom of Expression and Freedom of the Media on the Internet
http://foeonline.wordpress.com/